Redebeitrag zur Kundgebung „Femizide passieren hier – Keine ist vergessen!“ am 25.11.2020

Im Rahmen der Kundgebung “Femizide passieren hier – Keine ist vergessen!” des Vereins Frauen für Frauen e.V. Leipzig hielten wir einen Redebeitrag, den wir im folgenden dokumentieren:

Heute ist der 25. November, der Internationale Tag gegen männliche Gewalt an Frauen und Mädchen. Das Datum geht auf die Ermordung der Schwestern Mirabal zurück, die am 25. November 1960 in der Dominikanischen Republik vom militärischen Geheimdienst getötet wurden, weil sie sich als Frauen im Widerstand gegen die damalige Trujillo-Diktatur organisiert hatten. Beim Lateinamerikanischen Frauenkongress in Kolumbien 1981 wurde dieser Tag zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen ausgerufen und ist seitdem als Datum ein zentraler Bezugspunkt für feministischen Widerstand weltweit. Was die feministische Internationale zusammenbringt, der gemeinsame Nenner, der Frauen und Queers über Grenzen in Austausch und gemeinsamen Kampf treten lässt, ist die erfahrene Gewalt durch die patriarchale Organisation dieser Gesellschaft.

Der Gipfel dieser patriarchalen Gewalt sind Femizide, also geschlechtsbasierte Morde an Frauen und an als Frauen gelesenen Personen aus misoygnen Motiven. Femizide stellen die extreme Zuspitzung einer Kette von Gewalttaten dar, die von sexueller Belästigung in der Öffentlichkeit, am Arbeitsplatz oder Zuhause über Stalking, sexualisierte Gewalt, bis hin zum Mord reicht. Von dieser Gewalt sind wir alle als Frauen und Queers betroffen.

Mit welcher Situation haben wir es in Deutschland zu tun?

Seit 2011 wird in Deutschland durch den Druck der Frauenhäuser in der polizeilichen Kriminalstatistik die Zahl der Tötungen von Frauen in Partnerschaften und Ex-Partnerschaften erhoben. Laut polizeilicher Statistik kommt es jeden Tag zu einem Mordversuch und an jedem dritten Tag zu einem Mord.

Durch die Mangelhaftigkeit der Statistik wissen wir allerdings nichts über die Morde, die außerhalb von Partnerschaften geschehen, denn die Tötungen, die außerhalb von Beziehung stattfanden, finden in dieser Zählung keinen Niederschlag. Es gibt keine Zahlen zum so genannten erweiterten Suizid, wenn also ein Mann sowohl seine Frau wie auch vorhandene Kinder tötet. Es fehlen die Morde an Sexarbeiter*innen oder diejenigen Morde, die im Zusammenhang mit Bandenkriminalität oder Menschenhandel geschehen.

Außerdem werden Morde an Trans-Frauen in der Statistik nicht berücksichtigt, wodurch diese von vorn herein unsichtbar gemacht werden. Dadurch haben wir ein enormes Problem das Ausmaß und auch die Hintergründe dieser Morde zu erfassen und damit auch zu bekämpfen!

Es fehlt an einer differenzierten Datenerhebung, was viel damit zu tun hat, dass das Schema, in dem die Tötungen erfasst werden, dem Raster von Paarbeziehungen folgt. Damit werden sie regelmäßig als privat klassifiziert und die gesellschaftlichen und strukturellen Zusammenhänge auf denen Femizide basieren, ausgeblendet. Das Konzept des Femizids legt den Finger genau auf diese Hintergründe.

Nach dem Femizid am 8. April diesen Jahres im Leipziger Auwald haben wir uns unter dem Namen #keinemehr zusammengeschlossen, um uns gegen Femizide und männliche Gewalt zu organisieren, Fälle von Femiziden zu dokumentieren, das Thema zu politisieren und aus dem Privaten zu holen. Wir schließen uns unseren Genoss*innen in anderen Städten Deutschlands und über die Ländergrenzen hinaus an, um Widerstand gegen diese Zustände zu leisten und den Druck auf den Staat und die Öffentlichkeit zu erhöhen. Dazu gehört  es auch, die mediale Berichterstattung über Femizide kritisch zu verfolgen und darauf zu reagieren.

Ob “Familiendrama”, “Eifersuchtsdrama” oder “Beziehungstat”. Wir lehnen jede verharmlosende Bezeichnung, in welcher der Täter nicht als solcher benannt wird und die Betroffene nicht einmal mehr erwähnt wird mit jeder Vehemenz ab. “Nennt es beim Namen, es heißt Femizid” muss das Motto werden mit welchem wir als Feminist*innen über diese Taten sprechen. Denn Femizide sind keine privaten Schicksale oder traurigen Einzelfälle, sie haben System. Sie sind Teil der misogynen gesellschaftlichen Realität, in der wir alle leben. Diese Realität umfasst die binäre Einteilung von Menschen in Mann und Frau mit denen bestimmte Rollenerwartungen einhergehen. Männern werden Eigenschaften wie “Unabhängigkeit” oder “Stärke” zugeschrieben und Frauen sollen eher umsichtig und liebevoll sein, sich um andere Menschen sorgen und kümmern. Wenn wir Femizide bekämpfen wollen, müssen wir bereits hier, an diesen Rollenerwartungen und dem zweigeschlechtlichen Konstrukt ansetzen. Denn hier entsteht bereits der misogyne Rahmen, der in sich schon gewaltvoll ist. Die Opfer von Femiziden und patriarchaler Gewalt sind nämlich oft genau diejenigen, die diese Rolle nicht erfüllen bzw. bewusst nicht erfüllen wollen. Am gefährlichsten lebt es sich für eine Frau nämlich u.a. dann, wenn sie sich von ihrem Partner trennen möchte, also eine eigene Entscheidung trifft, durch welche sie sich der Verfügungsgewalt des Mannes entzieht. Um es mit den Worten von Aleida Luján Pinelo zu sagen: “Das Konzept des Femizides wirft Licht darauf, dass Frauen durch Mord daran gehindert werden, die Art von Frauen zu sein, die sie sein wollen.”

Femizide geschehen jedoch auch in einem rassistischen System, in welchem die Doppelzüngigkeit in der medialen Berichterstattung nicht zu übersehen ist. Die Art und Weise, wie die Tat bezeichnet und wie über den Täter berichtet wird, unterscheidet sich je nach Name und Herkunft des Täters. Viel öfter ist dann die Rede von einem “brutalen Mord” oder einer “Bluttat”. Der LVZ-Chefredakteur bezeichnete Morde an Frauen sogar als “importiertes Problem”. Diese Aussage suggeriert, dass es Frauen- und Queerfeindlichkeit nur in anderen Ländern gebe und immigrierte Männer somit eine Gefahr für Frauen und Queers in Deutschland darstellen würden. Durch das Argumentieren mit einer vermeintlichen Gleichberechtigung, welche nun gefährdet sei, wird aber am Ende nur der eigene Rassismus legitimiert. Denn die Zahlen sprechen eine andere Realität. Es ist egal, woher ein Täter kommt. Sowohl die Täter als auch die Opfer von Femiziden, das zeigen Statistiken, kommen aus allen möglichen Milieus und Bevölkerungsgruppen. Es gehört daher auch zu unserer Aufgabe, uns der rassistischen Instrumentalisierung von Gewalt gegen Frauen und Femiziden entschieden entgegenzustellen.

Als Reaktion auf den Status quo, in dessen Rahmen Femizide und männliche Gewalt tagtäglich geschehen, fordern wir:

  • die Umsetzung der Istanbulkonvention und somit die Schaffung neuer Frauenhausplätze und die Bereitstellung finanzieller Mittel für Beratungsstellen und Notunterkünfte, um die Zugänglichkeit zu diesen für alle zu gewährleisten
  • Verstärkte rechtliche Konsequenzen bei Nichteinhaltung des Kontakt- und Näherungsverbotes
  • Mehr pädagogische Präventionsarbeit und Jungenarbeit, um die kritische Perspektive auf Männlichkeit zu erweitern, insbesondere auch in Einrichtungen, die mit Jungen und Jugendlichen zu tun haben
  • die rechtliche Anerkennung von geschlechtsbasierter Gewalt und Femiziden
  • die verpflichtende Schulung von Ermittlungsbehörden und juristischem Personal in genderspezifischen Fragen
  • mehr Studien und Erhebungen zu geschlechtsbasierter Gewalt (um Wissen über Ausmaß und Formen des Problems zu bekommen)
  • eine mediale Berichterstattung die geschlechtsbasierte Gewalt und Femizide als solche benennt

Das sind nur einige Beispiele und wir dürfen dabei nicht vergessen, dass diese Forderungen an genau den Staat gerichtet sind, der mitverantwortlich für die Entstehung und Unsichtbarmachung patriarchaler Gewalt ist. Diese Forderungen zu stellen ist unumgänglich, aber wir müssen uns immer darüber im Klaren sein, dass sich das kapitalistische Patriarchat nicht reformieren lässt sondern gänzlich überwunden werden muss. Dafür müssen wir selbst aktiv werden in unseren Freund*innenkreisen, in der Familien und bei unseren Kolleg*innen und überall dort intervenieren, wo wir Zeug*innen von patriarchaler Gewalt werden. Wir müssen aufklären, sensibilisieren und uns kollektiv gegen diese gewaltvollen Verhältnisse organisieren, laut und unbequem sein. Und trotz der großen Bandbreite an feministischen Themen und feministischem Aktivismus müssen wir vor allem eins: Uns als Teil der selben feministischen Bewegung begreifen, denn unsere Solidarität ist unsere stärkste Waffe. Ni una menos – es heißt Femizid!

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