Redebeitrag zur Demonstration „Das Private bleibt politisch – Für ein Ende der Gewalt“ am 16.05.2020

Wir solidarisieren uns mit den Organisator*innen des Aktionstages “Das Private bleibt politisch – Für ein Ende der Gewalt und ihren Anliegen und dokumentieren daher einen Redebeitrag, der leider nicht gehalten werden konnte:

Am 8. April hat hier im Leipziger Auwald ein Femizid stattgefunden. Die Frau, die mit ihrem Baby spazieren war, wurde von ihrem Ex-Freund mitten am Tag angegriffen und schwer am Kopf verletzt. Das Kind blieb unverletzt. Passant*innen alarmierten den Rettungsdienst sowie die Polizei, woraufhin die Frau in ein Krankenhaus eingeliefert wurde. Die Verletzungen waren so schwer, dass sie am Folgetag im Krankenhaus starb. Am selben Tag gaben die Ermittlungsbehörden bekannt, den gesuchten Mann festgenommen zu haben. Bekannt ist bisher, dass es sich bei dem Tatverdächtigen um den Ex-Freund der ermordeten Frau handelt, gegen den sie im Vorfeld bereits ein Näherungsverbot erwirkt hatte, weil er sie stalkte und bedrohte. Außerdem wissen wir, dass es sich bei dem mutmaßlichen Mörder um einen Mann handelt, der auch in der Leipziger linken Szene aktiv war.

Oft werden Taten wie diese als tragische Einzelfälle, als Eifersuchtsmorde oder privates Unglück bezeichnet. Nur selten wird von Mord gesprochen. Die Mörder werden in diesem Kontext – wenn sie erwähnt werden – als Monster oder als psychisch krank dargestellt oder sie werden – wenn die Täter nicht deutscher Herkunft sind – rassifiziert und das Problem damit in ein vermeintliches Außen geschoben.¹

Statt diesen Verschiebungen und Verharmlosungen müssen Morde wie dieser als Femizid benannt werden, also als Tötung einer Frau aufgrund ihres Geschlechts. Entscheidend ist hierbei die misogyne Motivation der Tat und das Geschlechterverhältnis, das dieser zugrunde liegt.

Der Begriff Femizid verweist auf die strukturelle Gewalt eines patriarchalen Geschlechterverhältnisses, das mit männlichem Besitzdenken und Dominanz einhergeht. Femizide stellen das Ende einer Reihe männlicher und geschlechtsbasierter Gewalttaten gegen Frauen, homo- und bisexuelle, sowie inter-, trans- und nicht-binäre Personen und Kinder dar.

Der Femizid in Leipzig ist dabei kein Einzelfall. Seit 2011 wird in Deutschland in der polizeilichen Kriminalstatistik die Zahl der Tötungen von Frauen in (Ex-)Partnerschaften erhoben – und das nur dank des Drucks von Frauenhäusern. Nehmen wir diese Statistiken – die wohlbemerkt einige Probleme und vermutlich eine hohe Dunkelziffer aufweisen – dann kommt es statistisch gesehen, jeden Tag zu einem Mordversuch und an jedem dritten Tag zu einem Mord an einer Frau. Allein bis Mitte April 2020 gab es in diesem Jahr mindestens 65 Femizide in Deutschland.

Was machen wir nun mit diesen Zahlen?

Bei all den Fragen, die sich aufwerfen, ist es wichtig, die verschiedenen Gewalt- und Ausbeutungsverhältnisse zusammenzudenken. Der Körper der Frau wird zum Austragungsort sozialer Konflikte und männlicher Ohnmacht. Gleichzeitig werden Frauen, die ökonomischen Bedingungen vorenthalten, um sich aus gewaltvollen Verhältnissen zu befreien. Nach wie vor gibt es eine strukturelle Schlechterstellung von Frauen auf ökonomischer und politischer Ebene, die dann in konkreten Beziehungen oft die Bestrebungen nach Unabhängigkeit massiv erschweren. So werden Frauen schlechter in ihren Jobs und Berufen entlohnt und ihnen Zugänge in bestimmte Positionen verwehrt. Auch Care-Arbeit ist weiterhin ungleich verteilt bzw. wird für jene die sie machen müssen, also Frauen, nicht bezahlt. Vielmehr wird erwartet, dass sie dies mit Freude tun. Diese Ungleichheiten führen zu Abhängigkeiten in Beziehungen und sind strukturell bedingt.

Das ist kein gesellschaftlicher Zustand, den wir als Normalität akzeptieren können und wollen.

Wenn wir gegen Femizide und männliche Gewalt kämpfen, sind wir nicht allein. Wir beziehen uns auf eine Welle großer feministischer Bewegungen, die sich in vielen Ländern seit einigen Jahren bilden und die männliche Gewalt, Fragen um sexuelle Selbstbestimmung und zu großen Teilen auch die patriarchalen Verhältnisse im Kapitalismus im Ganzen in den Blick nehmen. Ihren Ausgangspunkt fand diese Entwicklung 2015 in Argentinien unter der Forderung: ni una menos – keine weitere getötete Frau.

Wir haben uns nach dem Femizid am 8. April zusammengetan, um uns wie unsere Freund*innen aus Berlin und anderen Städten unter dem Namen #keinemehr gegen Femizide und männliche Gewalt zu organisieren. Um uns auszutauschen, zu dokumentieren und aktiv zu werden. 

Falls ihr Kontakt zu uns aufnehmen wollt, ist unsere Emailadresse: keinemehr-leipzig [ät] riseup.net

Lasst uns auf die feministischen internationalen Bewegungen blicken, um zu lernen und gemeinsam zu kämpfen! Lasst uns gemeinsam gegen männliche Gewalt, die Zugriffe auf unsere Körper und Selbstbestimmung und für ein Leben kämpfen, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse von Kapitalismus und Patriarchat überwindet!


¹ Mehr dazu kann im Artikel “Einzelfall, tragisches Schicksal oder selbst Schuld? Frauenmorde und ihre rassistische Verwertung” (S. 40-42) von Naomi Shibata und Lena Kirsch in der 2019er Ausgabe der »Leipziger Zustände« nachgelesen werden.

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