Redebeiträge zur Kundgebung am 08. März 2022

Wir dokumentieren die Redebeiträge zu unserer Kundgebung am 08. März.

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1) Phia e.V.

Corona, Beratungsstellen und Frauen*häuser
Dem 8.März als internationaler Kampftag der Frauen* fällt auch in diesem Jahr eine besondere Bedeutung hinsichtlich der Mobilisierung feministischer Thematiken zu. In einer sich ankündigenden Entspannung der pandemischen Lage sehen wir uns nach zwei Jahren privater Einschränkungen unterschiedlichen Herausforderungen völlig neuen Ausmaßes gegenüber.
Die Pandemie hat die Zahl sogenannter partnerschaftlicher Gewaltdelikte explodieren lassen. Nach offiziellen Angaben sind 359 Frauen* im Jahr 2020 von einem Mann getötet worden. Diese unerträgliche Zahl legt die Missstände einer patriarchalen Gesellschaft offen, die ein solches Verbrechen nahezu jeden Tag zulässt. Gleichzeitig gehen Sozialverbände davon aus, dass die Dunkelziffer um ein Vielfaches höher ist, da während des Lockdowns der Zugang zu Beratungsstellen oder Angeboten wie dem Hilfetelefon nur eingeschränkt möglich waren. Der private Nahraum ist nach wie vor der Ort, an dem Gewalt gegen Frauen* am häufigsten stattfindet. Weil das alltägliche Leben noch immer zu einem größeren Teil außerhalb der Öffentlichkeit als sonst stattfindet, bleibt die Situation nach wie vor besonders angespannt. Gerade deswegen ist es nun umso wichtiger, Kapazitäten in Frauen*häusern und von Beratungs- und Aufklärungsstellen sofort auszubauen und ordentlich zu finanzieren. Laut Bundesfamilienministerium bedarf es mindestens zwanzigtausend Plätze in Frauen*häusern, aktuell gibt es lediglich siebentausend. Frauen*häuser müssen außerdem dringend ordentlich und langfristig finanziert werden, wozu auch eine einheitliche dauerhafte Finanzierung durch den Bund gehört.
Diese Beratungsstellen und Frauen*häuser sind im wahrsten Sinne des Wortes überlebenswichtig für tausende von Frauen in Deutschland. Aber sie sind natürlich nur Linderung von Symptomen, die die gewaltvollen patriarchalen Strukturen erzeugen. Um den psychischen und physischen Verletzungen, die Männer tagtäglich millionenfach an Frauen* begehen, den Nährboden zu entziehen, müssen wir das Geschlechterbild unserer Gesellschaft verändern. So wie Männlichkeit in der bürgerlichen Tradition konstruiert wird, erzeugt sie Hass und Aggression gegen vermeintliche Schwäche, die sich vor allem gegen Frauen* richtet. Wir wissen auch, dass wir selbst nicht frei von den Geschlechterbildern sind, in denen wir erzogen wurden und denen wir tagtäglich ausgesetzt sind. Wir reproduzieren sie im Alltag und auch in linken Räumen. Gerade deshalb dürfen wir die Augen vor Gewalt gegen Frauen* in allen möglichen gesellschaftlichen Strukturen nicht verschließen. Vielmehr müssen wir das Gewaltpotential von Männlichkeit überall aufmerksam mitdenken, um es erkennen, bennenen und bekämpfen zu können. Dafür bedarf es Bildungs- und Aufklärungsangebote, die ebenfalls staatlich deutlich besser finanziert werden müssen. Und es bedarf einer schlagkräftigen organisierten feministischen Bewegung, die den Finger in die Wunde legt. Es gilt jetzt mehr denn je, sich als Feminist*innen zu vernetzen, die vorhandenen Bündnisse auszubauen und unsere Kämpfe zu intensivieren.

Selbstbestimmung legalisieren – §218/219 abschaffen!
Dies gilt auch für die vermeintlich gute Nachricht der Abschaffung des §219 durch die Ampel-Regierung. Es folgt der Tatsache, dass der Paragraf nach jahrelangen feministischen Interventionen im öffentlichen Diskurs nicht mehr tragbar ist. Allerdings bezieht sich der §219 lediglich auf das Werbeverbot von Schwangerschaftsabbrüchen. Der Schwangerschaftsabbruch bleibt daher gemäß eines 150 Jahre alten Gesetzes weiterhin illegal. Deswegen schließen wir uns dem Aufruf des Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung und reproduktive Rechte an und fordern „erst §219a StGB streichen dann §218 StGB streichen!“

Krieg, Krise, Solidarität
Die Häufung von Krisen innerhalb der kapitalistischen Systems und ein entfesselter Nationalismus sind nicht erst seit dem russischen Einmarsch in der Ukraine zu beobachten. Jedoch wird erneut die Brutalität der einzelnen Akteure sichtbar. Die leidtragenden sind die Angehörigen der Zivilbevölkerung, die zu tausenden vertrieben werden, darunter viele FLINTA*. Für uns kann eine progressive Haltung nur lauten: Nein zum Krieg, Nein zur Aufrüstung, hoch die internationale Solidarität!
Für eine Welt, in der alle Menschen friedlich miteinander leben. Eine Welt, in der Zuschreibungen von Geschlecht, sexueller Identität, Herkunft oder Klasse keine Rolle spielen. Für einen kämpferischen 8. März!

(*Der Stern in „Frauen*“ soll verdeutlichen, dass neben Cis-Frauen auch Menschen, die sich als inter, nichtbinär, trans oder queer identifizieren, patriarchaler Gewalt durch Männer ausgesetzt sind. FLINTA* steht für Frauen, Lesben, inter, trans, agender und nicht-männliche Personen – wir nennen sie zusammen, weil wir finden, dass alle ihre Kämpfe vereinigt gegen bestehende patriarchale Strukturen geführt werden sollten.)
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