Mail an die Chefredaktion der LVZ (30.07.2020)

An die Chefredaktion der LVZ,

wir als #KeineMehr Leipzig stehen hinter Bettina Wilpert und ihrem Artikel “Die unerkannte Pandemie Femizid”, der am 02.07. in Ihrer Zeitung erschienen ist. Die Antwort von Chefredakteur Jan Emendörfer empfinden wir einerseits als paternalistische Geste der Autorin gegenüber. Bettina Wilpert mit den Worten “junge Autorin” einzuführen, ist an der Stelle inhaltlich unrelevant. Es trägt vielmehr dazu bei ihren Artikel als wenig überzeugend oder unseriös darzustellen. Andererseits verdreht Emendörfer in seinem Text Tatsachen, die wir nicht unerwidert lassen werden.

Emendörfer schreibt von “dutzenden Frauenmorden”, die jedes Jahr in Deutschland stattfinden. Im Gegensatz zu Wilperts Artikel bezieht sich Emendörfer hier also nicht auf Fakten, sondern verharmlost mit einer Floskel die Ausmaße von Femiziden und männlicher Gewalt in Deutschland. Wilpert hingegen hatte richtig dargestellt: “Laut der Statistik ‘Partnerschaftsgewalt’ des BKA wurden 2018 122 Frauen ermordet, 2017 waren es 147.” “Wir tolerieren die Sicht der Autorin” heißt es in Emendörfers Text, dabei geht es in Wilperts Artikel nicht um persönliche Sichtweisen, vielmehr bezieht sie sich auf wissenschaftliche Veröffentlichungen und polizeiliche Statistiken.

Die offensichtliche Gemeinsamkeit bei Femiziden, nämlich dass die Täter Männer sind, ist dem Chefredakteur keine Analyse wert, stattdessen phantasiert er über vermeintlich “mittelalterliche Vorstellungen vom Zusammenleben von Mann und Frau”, die er im “kulturellen Hintergrund” von Menschen zu finden hofft. Hier zeigt Emendörfer sein völkisch rassistisches Denkmuster und wiederholt das Märchen vom “importierten Patriarchat”, das schon Wilpert in ihrem Artikel widerlegt hat. Dort wurde bereits klargestellt, was Statistiken zeigen: Täter von Femiziden kommen aus allen Milieus und Bevölkerungsgruppen. Es gilt also nicht die Herkunft, Vergangenheit oder psychische Konstitution des Täters zu klären. Es geht vielmehr um die misogyne, also frauen- und queerfeindliche, Motivation der Tat und um ein gesellschaftliches Geschlechterverhältnis, welches diese begünstigt.

Weiterhin unterstellt Emendörfer Wilpert, sie spräche zu Unrecht von Mord, darüber sei gerichtlich bisher nicht entschieden. Warum nimmt er es plötzlich so genau?! Sein Kollege Frank Döring hatte im ursprünglichen Artikel über den Femizid im Auwald vom 27.05. selbst von Mord gesprochen. Außerdem sind auch juristische Definitionen nicht so neutral, wie es oft scheinen mag: Der Mordparagraph im Strafgesetzbuch wurde 1941 von Nationalsozialisten definiert und gilt bis heute. Mörder ist demnach jemand, der aus “niedrigen Beweggründen” tötet, dazu gehört auch die sogenannte “Heimtücke”. Männer schlagen laut Rechtssprechung häufig “nur” affekthaft tot. Trennungstötungen werden also oft nicht als Mord eingestuft, perfiderweise gerade dann, wenn die männliche Gewalt seit Jahren präsent und damit angeblich nicht “heimtückisch” ist. Im Patriarchat geht die vermeintliche Liebe zu Frauen und der Hass auf Weiblichkeit Hand in Hand. Wir fordern deshalb, dass Femizide als Morde behandelt werden. Besitzansprüche und Misogynie müssen als niedere Beweggründe gelten. (Zur Einordnung des Mordbegriffs & Heimtücke: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2013-11/rechtsprechung-gesetz-mord-paragraf-211/komplettansicht ; https://www.sueddeutsche.de/panorama/femizid-gewalt-gegen-frauen-1.4635132)

Bereits im Juni haben wir als #KeineMehr Leipzig in einem offenen Brief die Berichterstattung der LVZ kritisiert. Die Kritik, auf die sich auch Wilperts Artikel bezieht, wurde von vielen Gruppen mitgetragen unter anderem auch von den Expert*innen von Frauen für Frauen e.V.

Wir appellieren erneut an die LVZ und andere Medienmacher*innen eine verantwortungsvolle und differenzierte Berichterstattung zu Femiziden zu gewährleisten. Für ausführliche Forderungen verweisen wir nochmals auf unseren offenen Brief: https://keinemehrleipzig.noblogs.org/post/2020/06/22/offener-brief-an-die-lvz/

#KeineMehr Leipzig

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