Offener Brief an die LVZ

Offener Brief an die LVZ

Für eine verantwortungsvolle Berichterstattung bei Gewalt gegenüber Frauen, trans*, inter-, nichtbinären Personen und Queers

An die Redaktion der LVZ, an alle Medienvertreter*innen,

wir möchten den Femizid am 08.04.2020 im Leipziger Auwald zum Anlass nehmen, unsere große Trauer auszusprechen und gleichzeitig eine Kritik an der Berichterstattung der LVZ zu formulieren.

UNS REICHTS!

Gewalt gegen Frauen, trans*, inter-, nichtbinäre Personen und Queers wird in Medienberichten verharmlost – nahezu jeden Tag! Häufig lesen wir von “Eifersuchtsdramen”, “Familientragödien” oder “Gewaltverbrechen”.  Dabei haben all diese Formulierungen eines gemeinsam: Sie stellen Tatbestände falsch dar (ein Mord ist kein “Familiendrama”) und verharmlosen bzw. leugnen das strukturelle Ausmaß von geschlechtsbasierter Gewalt. Weiterhin wird männliche Gewalt und Gewalt im sozialen Nahraum als etwas Privates verhandelt und häufig als Einzeltat banalisiert (“Tragödie”) und somit auch entpolitisiert.

Dem setzen wir die Forderung gegenüber: tödliche Gewalt an Frauen und Personen, die als solche gelesen werden, muss als Femizid bezeichnet werden. Es sind Männer, die Frauen, trans*, inter-, nichtbinäre Personen und Queers aufgrund ihres Geschlechts töten. Hierbei gilt es, nicht die Herkunft, Vergangenheit oder psychische Konstitution des Täters zu klären. Es geht vielmehr um die misogyne, also frauen- und queerfeindliche, Motivation der Tat und um ein gesellschaftliches Geschlechterverhältnis, welches diese begünstigt. Die Bezeichnung als Femizid verweist dabei auf die strukturelle Gewalt einer patriarchalen Geschlechterordnung, die männliches Besitzdenken und Dominanz hervorbringt. Dieser Verweis ist dringend notwendig.

Statistisch betrachtet findet in Deutschland jeden zweiten bis dritten Tag ein Femizid statt. Täglich sind Frauen, trans*, inter-, nichtbinäre Personen und Queers patriarchaler und männlicher Gewalt ausgesetzt.

Und wie wird in den Medien darüber berichtet?

In verschiedenen Artikeln lokaler Medien wurde statt des politischen und strukturellen Charakters der Tat, der Migrationshintergrund des mutmaßlichen Täters angeführt. Dieses Vorgehen befeuert rassistische Instrumentalisierungen und verkennt das eigentliche Problem: nämlich dass männliche Gewalt die Ursache ist.

Eine derartige Berichterstattung , wie auch in dem Artikel von Frank Döring vom 27.05.2020, verharmlost den Mord, schützt den Täter und trägt somit zum Status Quo der Geschlechtergewalt bei.

Warum geht es in dem Artikel nicht um partnerschaftliche Gewalt? Warum wird der Femizid nicht kontextualisiert?

Weil der Artikel einen Täter schützen möchte, weil er systematische Gewalt zum dramatischen Einzelfall erhebt und weil er Wahrheiten bewusst untergraben möchte – um Verständnis für den Mann erreichen zu wollen, für den wir kein Verständnis haben. Der Artikel endet mit den Worten “Für ein Drama solcher Tragweite gibt es manchmal keine Erklärung.”

DOCH, die gibt es!

DAHER FORDERN WIR: 

Eine mediale Berichterstattung bei Gewalt gegenüber Frauen, trans*, inter- ,nichtbinären Personen und Queers, die:

  1. jedwede Gewalt an Frauen, trans*, inter-, nichtbinären Personen und Queers als solche bezeichnet, darüber berichtet und sie damit sichtbar macht
  2. Femizide als solche benennt und gleichzeitig von Gewalt betroffene Personen schützt
  3. Femizide im Kontext patriarchaler Gewalt verhandelt und sie in diesen einordnet, d.h. geschlechtsbasierte, männliche Gewalt als solche benennt
  4. Taten nicht individualisiert und verharmlost durch Bezeichnungen als “Einzelfall”, “Drama” oder “Tragödie”
  5. Täter nicht schützt und die Schuld nicht bei den von Gewalt Betroffenen sucht
  6. Taten keine Herkunft oder Klasse zuschreibt und sie nicht rassistisch instrumentalisiert
  7. möglichst sachlich berichtet und dabei die Identität von Gewalt betroffenen Personen schützt
  8. Zusammenhänge und Hintergründe von geschlechtsbasierter Gewalt als gesamtgesellschaftliches Problem analysiert
  9. sich auf differenzierte und professionelle Quellen bezieht (z. B. auf Frauenhäuser oder Expert*innen aus der Praxis)
  10. Informationen publiziert, wo betroffene Personen Unterstützung und Hilfe bekommen

FÜR EIN ENDE DER GEWALT!

Weitere Informationen:

Artikel und Hörbeiträge:

Unterzeichnende Gruppen:
AK.Unbehagen
AG LISA in Leipzig
Antifaschistischer Frauenblock Leipzig
Antisexistischer Support Leipzig
fantifa_leipzig
Feministische Bibliothek MONAliesA
Feministischer Streik Leipzig
fight for your future le
Frauen für Frauen e.V.
Initiativkreis Antirassismus
KlausHaus- Kollektivhaus Wurze
Lila Bande
Magazin für literarische Texte – Honich
Naturfreundejugend Leipzig
nice 4 what
Offenes Antifa Treffen im Island
Outside the box- Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik
Peperoncini e.V :: kollektiv für Bleiberecht ::
Prisma- Interventionistische Linke Leipzig
“Rassismus tötet!” – Leipzig
RosaLinde Leipzig e.V.
SexTalk3000
Verein für fortgeschrittene Höflichkeit e.V.
Vernetzung Süd
vir.go Kollektiv
Zeitschrift & Netzwerk PS: Anmerkungen zum Literaturbetrieb / Politisch Schreiben

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