Zum Femi(ni)zid im Leipziger Auwald im April 2020: Männliche Gewalt in der Linken

Vor dem Hintergrund der sexuellen Gewalt auf Monis Rache, der Fusion, aber auch vor Ort im Leipziger Goldhorn oder Pivo, scheint die Einsicht, dass linke Räume Austragungsorte geschlechterbasierter Gewalt darstellen und Täter Teil unserer Strukturen sind, so aktuell wie dringlich: Männliche Gewalt kennt kein Herkunftsland, keine Klasse oder Religion und macht auch keinen Halt vor der politischen Orientierung.

Auch der Femi(ni)zid am 08.04.2020 im Auwald reiht sich in diese Kettung der Gewalt linker Männer gegenüber Frauen und Personen, die als solche gelesen werden, ein. So bedrohte und stalkte der seit Jahren in der politischen Szene aktive Mann ‘seine’ Ex-Freundin, bevor er sie am 08.04. durch eine schwerwiegende Kopfverletzung umbrachte. Viele kannten ihn; direkt, vom Sehen, über Freund_innenkreise oder drei Ecken. Und doch lässt sich mit Beklommenheit feststellen, dass diese Tatsache keine Resonanz in den Statements, Redebeiträgen und andere Reaktionen auf die grausame Tat findet. Und es stellt sich die Frage: Wieso?

Hier kommt auch die Frage nach dem Umfeld des Täters auf. Wusste dieses von seinem grenzüberschreitenden und gewaltvollen Verhalten gegenüber der ermordeten Frau? Immerhin soll es mehrere Gewaltakte gegeben haben, nach denen die Polizei eingeschaltet werden musste, um bspw. ein Näherungsverbot zu bewirken. Wie ging sein Freund_innenkreis damit um?

Abgesehen von einigen problematischen, den mutmaßlichen Täter in Schutz nehmenden Aussagen aus dem “Umfeld des Täters”, die am 27.05.2020 in einem Artikel der LVZ¹ abgedruckt wurden, wissen wir nicht, wie sein Umfeld, seine Freund_innen sich zu dem Femi(ni)zid äußern und sich im Vorfeld verhalten haben. Was wir bisher aber feststellen, ist die allgemeine, ausbleibende Reaktion darauf, dass der mutmaßliche Mörder in der Leipziger linken Szene aktiv war und viele ihn kennen.

Das vermeintlich passive Aussparen ist ein Nicht-Verhalten, das heißt letztlich doch ein aktiver Prozess. Schweigen ist eine Form der Abwehr, Schweigen normalisiert diese Abwehr in Strukturen, die eigentlich den Anspruch haben, patriarchale, geschlechterbasierte Gewalt zu bekämpfen. So wenig eine Linke in der Lage ist, das gesamtgesellschaftliche Problem männlicher Gewalt zu lösen, so bemüht müssen wir sein, in eine Auseinandersetzung damit zu gehen. Das Sprechen über Patriarchat und Kapitalismus in deren Abstraktheit kann das Sprechen miteinander und über uns nicht ersetzen: Das konkrete Ausbuchstabieren in unseren Beziehungsgeflechten ist die Voraussetzung, um überhaupt handlungsfähig zu werden. Geschlechterbasierte Gewalt findet nie im Irgendwo-Anders statt, sondern auch in unseren Strukturen, in unseren Freund_innenkreisen. Wenn wir diese Einsicht nicht an uns heranlassen, wird es nicht gelingen, mit dieser Normalität zu brechen.


¹ Bisher hat sich das Umfeld des Täters nicht geäußert, abgesehen von Aussagen in der Leipziger Volkszeitung (LVZ), wobei unklar bleibt, wer mit “Bekannte des Täters” gemeint ist. In dem entsprechenden Artikel (LVZ-Online vom 27.05.2020: “Leipziger Auwald-Mord: Tatverdächtiger bereits wegen Körperverletzung angeklagt”) wird behauptet, der Täter sei “nie durch Stalking oder Gewalttätigkeiten aufgefallen”. Vielmehr sei er es gewesen, der die Beziehung beendet habe und sich plötzlich mit einem “Verfahren um ein Annäherungsverbot” konfrontiert sah, das ihm “massiv zugesetzt” habe. Das Umfeld des Täters spricht gar von falscher Verdächtigung und bezichtigt die Getötete somit, die Anschuldigungen konstruiert zu haben.

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